Donnerstag, 14. Juni 2007

Das Vignettensyndrom

Es gibt Wörter, die wirken einfach harmlos. Das Wort "Vignette" gehörte für mich bis vor einigen Jahren auch in diese Kategorie. Laut Wiki handelt es sich bei der Vignette um eine "kleine belanglose Randverzierung". So ähnlich hatte ich das auch immer gesehen.
Mittlerweile ist es Usus, dass ein Schulbuchverlag anruft oder mailt: "Frau Rieger, wir bräuchten ganz dringend noch einige Illustrationen. Keine Sorge, es sind nur klitzkleine Vignetten." Das Stichwort "Vignette", das eigentlich zur Beruhigung dienen sollte, lässt schlagartig bei mir alle Alarmglocken schrillen. Meiner Erfahrung nach bedeutet diese Anfrage übersetzt soviel wie: "Frau Rieger, wir bräuchten ein paar Illustrationen, die ihrer Komplexität nach locker eine halbe Seite füllen würden, für die wir aber a) keinen Platz mehr im Unterrichtswerk frei haben und b) nicht so viel bezahlen möchten." Dazu muss man wissen, dass Illus im Schulbuchbereich üblicherweise nach der Größe bezahlt werden. Also den Inhalt von einer halben Seite zum Honorar einer Vignette zu bekommen, ist ein richtiges Schnäppchen. Für den Verlag. So hat dieses hübsche Wort seine Unschuld verloren.

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